EINGEWEIDESCHMERZ
Chronischer Eingeweideschmerz, Splanchnodynie

Der Eingeweideschmerz, auch als Splanchnodynie bezeichnet, beschreibt eigentlich Schmerzen, die von den in den großen Körperhöhlen (Schädel-, Brus t-, Ba uch-, Beckenhöhle) gelegenen Organe ausgehen. Es hat sich aber eingebürgert, daß mit dem Begriff "Eingeweideschmerz" nur Schmerzen gemeint sind, die von den Bauchorganen ausgehen.

Ein akuter (= frisch aufgetretener) Eingeweideschmerz kann vielerlei Ursachen haben. Meist geht er von Organen des Bauchraumes aus (M agen, Da rm, Galle, Bauchspeicheldrüse, Gebärmutter usw.). 

Folgende Krankheitsbilder sind häufiger Anlaß, wegen einem anhaltenden oder immer wiederkehrenden Eingeweideschmerz (chronischer) einen Schmerztherapeuten aufzusuchen:

  1. Beim Morbus Crohn handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die alle Abschnitte des M agen- Da rm-Traktes betreffen kann, am häufigsten das terminale Ileum (= unteres Ende des Dünndarms) (80%) und in ca. 50% das Kolo n (= Dickdarm) zusammen mit dem terminalem Ileum. Die Patienten klagen über Ba uchschmerzen (Eingeweideschmerz), Durchfälle, Gewichtsverlust und haben im akuten Schub Fieber. 
    Ein chirurgischer Eingriff (= Operation) ist bei ca. 90% der Patienten im Verlauf der Erkrankung notwendig, z.B. Kolo n- oder Rektumresekt ion
    (= Entfernung des Dick- oder Enddarms).
  2. Die Kolitis ucerosa ist eine chronisch entzündliche Erkrankung der Kolonmukosa (= Schleimhaut des Dickdarms), die Krankheitsursache ist weitgehend ungeklärt. Betroffen ist häufig der entferntere Dickdarmanteil, bei ca. 20% auch das Kolo n transversum (= querliegender Dickdarmanteil) bzw. das gesamte Kolo n (= Dickdarm) (Pancolitis). 
    Symptome
    (= Krankheitszeichen): Blutung aus dem Endda rm, Durchfälle und Ba uchschmerzen (Eingeweideschmerz). 
    Die Verlaufsformen werden unterschieden als rezidivierender (= immer wiederkehrender), chronischer (= schleichender, von langer Dauer) und fulminanter (= blitzartig einsetzender) Typ, letzterer mit Komplikationen wie Perforation (= Durchbruch in die Bau chhöhle) oder toxisches Megakolon
    (= abnorme Weitstellung hervorgerufen durch giftige Stoffe).
  3. Auch der sog. Verwachsungsba uch geht mit Schmerzen in den Einge weiden einher. Vorangegangen ist eine Ba uchoperation, meist aber mehrere. Es liegen entzündlich bedingte, flächenhafte oder strangförmige, nach Verklebung durch Fibrin entstandene, bindegewebige Verwachsung aneinanderliegender, Serosa- (= Hüllschicht) überzogener Organabschnitte vor.
  4. Beim Col on ir ritabile besteht eine Anfälligkeit des Dickdarms gegenüber verschiedensten Schädlichkeiten, oft als Folge infektiöser (= ansteckungsfähiger, ansteckender, übertragbarer) oder parasitärer (= verursacht durch ein- oder mehrzellige Pflanze oder Tier als Lebewesen, das sich auf oder in  einem anderen Lebewesen  auf dessen Kosten ernährt) Col itis (= Dickdarmen tzündung), aber auch psychosomatisch, bei Allergie usw..
    Krankheitszeichen: hartnäckige funktionelle Störungen des Dickdarms mit Eingeweideschmerz, Völlegefühl, Rumoren, Blähungen, Störungen des Stuhlgangs (Wechsel Durchfälle/Obstipation (= Stuhlverstopfung)).
  5. Tumore bzw. Metastasen (= Tochtergeschwülste, abgesiedelte Tumore) können ebenfalls einen heftigen Eingeweideschmerz verursachen.

Schmerztherapie beim chronischen (= länger als drei Monate anhaltenden) Eingeweideschmerz

Nicht selten verbleibt trotz einer kausalen (= auf die Ursache gerichteten) fachärztlichen Behandlung weiterhin ein chronischer  Eingeweideschmerz, so daß dann schmerztherapeutische Behandlungsmethoden gefragt sind. Oft sind diese bei verschiedenen Grundkrankheiten die gleichen, da sie sich nach den Schmerzen und ihrer Ausdehnung und nicht mehr vorrangig nach der Ursache richten. Ein länger bestehender Eingeweideschmerz erfordert praktisch immer eine Kombination von verschiedenen Therapieverfahren, die i.d.R. nur in spezialisierte Zentren (Schmerzklinik) angeboten werden können. Beim Eingeweideschmerz (chronischer) sind dies:

  1. Information über die Erkrankung

  2. Medikamentöse Behandlung (u.a. Analgetika, evtl. auch Spasmolytika (= Mittel  gegen Krampfzustände), schmerzlindernde Psychopharmaka, auch als Infusionen, individuell ausgetestet)

  3. Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) in Form von Infiltrationen und Nervenblockaden, evtl. rückenmarknahe Blockaden, auch kontinuierlich mit Katheter  

  4. Akupunktur

  5. Evtl. TENS-Therapie (schmerzlindernde elektrische Ströme, die von einem kleinen tragbaren Gerät abgegeben werden)

  6. Psychologische Therapieverfahren (bes. Entspannungsverfahren und Schmerzbewältigungstraining)

  7. Evtl. Physiotherapie (z.B. Kolonmassagen)

  8. diätetische Maßnahmen 

Therapeutische Lokalanästhesie beim chronischen Eingeweideschmerz

Die einfachste diesbezügliche Methode ist eine wiederholte Triggerpunktbehandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel. Dabei werden schmerzhafte Reizpunkte in der entsprechenden Head Zone (= eine über das zugehörige Rückenmarksegment laufende Querverbindung zu dem zugeordneten inneren Organ) am Ba uch infiltriert.

Eine sehr hilfreiche und effektive Therapiemethode ist die kontinuierliche epidurale (= rückenmarknahe) Blockade mit Katheter
Neben der erwünschten Unterbrechung der Schmerzreizleitung ist ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil, daß bei dieser Therapie, sozusagen als Nebeneffekt, auch der Grenzstrang (= paarige Nervenstränge des unwillkürlichen Nervensystems neben der Wir belsäule) mit einbezogen wird, so daß es gleichzeitig zu einer erheblichen Durchblutungssteigerung kommt, die jeder entzündlichen Schmerzursache (z.B. Mor bus Croh n, Coli tis u lcerosa, Coli tis) fast schon kausal (= auf die Ursache gerichtet) entgegenwirkt. 
Auch bei Verwachsungen ist die sympathikolytische (= gefässerweiternde und damit durchblutungssteigernde) Nebenwirkung hilfreich, indem die entstandenen, bradytrophen (= mit vermindertem Stoffwechsel einhergehenden) Gewebsbereiche besser durchblutet werden und es dadurch zu einer Optimierung der gestörten Mikrozirkulation kommt. 
Nach einer schon älteren englischen Studie konnten mit dieser Therapiemethode bei Mor bus Croh n zu einem hohen Prozentsatz die oben erwähnten chirurgischen Eingriffe wenn nicht gar vermieden, so doch erheblich hinausgezögert werden.

Wirkung und Ausmaß einer lumbalen (= den Lendenberei ch betreffenden) epiduralen Blockade kann individuell mittels Lokalanästhetikamenge (= Betäubungsmittelmenge) und -konzentration so gesteuert werden, daß die Schmerzreize aus dem gesamten Ba uchraum bei weitgehend erhaltener Motorik (= Muskelkraft) blockiert werden. Der Erhalt der Motorik hat den Vorteil, daß die Patienten sich unter dieser Therapie weiter frei bewegen können. Bei der sog. kontinuierlichen epiduralen Blockade (= Betäubung) mit Katheter wird ein dünner Kunststoffschlauch vom Rüc ken her dicht an das Rückenmark eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine spezielle Kanüle hindurch, es muß also nicht "aufgeschnitten" werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittels durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Bei technischer Beherrschung, adäquater Lokalanästhetika-Dosierung und Beachtung der hygienischen Belange kann das Behandlungsrisiko als vertretbar eingestuft werden.

Beim tumorbedingten Eingeweideschmerz kann diese Blockademethode auch angewendet werden, allerdings wird man auf das örtliche Betäubungsmittel verzichten, da in diesem Falle eine gefässerweiternde Wirkung unerwünscht ist, weil diese eine weitere Streuung der Krebszellen begünstigt. Mit einer Morphin-Lösung läßt sich ebenfalls eine gute, schmerzstillende Wirkung erzielen.

Besteht ein chronischer Eingeweideschmerz längerfristig, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.

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